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B L U T E R D E – SCHAMDenken - KörperERSTARREN

Die Erde noch immer getränkt, Kärntner Boden gesättigt mit dickdunkelstockendem Blut.
Die Karawankenhänge besudelt bis zu den Höhen über den Fichtenhängen.
Tiefrot leben die Täler.
Schwarzdunkel gärt Trauer in Menschenherzen, darf sich nicht erleichtern.
Scham aber auch. Alter Haß wie Vergessenwollen, Verdrängen, Nichtwissen, Nichtsprechen.
Wer war Freund, wer der Feind in diesen Tagen der Hast, der Flucht?
Ein altes Reich verschwand über Nacht, die Menschen nicht, die es trugen, auch die Feinde nicht oder die, die man dafür hielt.
Hungerzeiten erschütterten die Seelen.
Gehirne systematisch gewaschen, grob geschrubbt mit Reisigbürsten, Lärmen, Schreien.
Blanke Bodenbretter, betäubte Geister, Nicht-Merken, Nicht-Wissendürfen, Wegsehen, Wegdenken, Stramm-Stehen, Gehorchen.
Habt acht! Marsch, marsch!
Durchhalten, durch die Zeit halten, Durchtauchen, Durchhungern, durch das nächste Gemetzel.
Auf die bloße Existenz reduziert, Essen ergattern, die Kinder durch den Krieg kriegen, einen Tag weiterleben, den nächsten, den nächsten, Heimkehren-Können.

Nun? Nicht denken, nicht fragen. Tausendfach vergiftete Seelen,
Von Flüchtenden verstopfte Straßen aus dem Süden, Soldaten, Heimkehrern, Domobranen.
Sogenannte Banditen in den Wäldern oder doch die eigenen Leute?
Nachbarn, Freunde, Brüder und Schwestern - singt Barbara Fink ein Lied
Die Befreier waren die Guten oder auch nicht?
Nicht fragen, weitermachen.

Sie mordeten ebenso wie die die vorher Feinde genannten. Gemetzel, Massaker in den Gräben, in den Tälern, auf freiem Feld.
Friedens-Versprechen, falsche Versprechen, Verrat, wieder Mord.
Spioniert, beobachtet, verschleppt bis weit in die Friedensjahre hinein, in den Wäldern verscharrt.
Wem glauben, welches Wort ist das richtige?
Nicht denken, nicht fragen, weitermachen. Besser nicht reden, besser verstummen.
Die Sprache verrät einen, auch die andere, jede. Besser die Lippen fest aufeinanderpressen, besser stumm durch die Tage, besser stummbleiben, bis in heutige Zeit?
Sprachlos, doch wenigstens überleben, existieren dürfen, so etwas wie ein Leben haben, arbeiten?

Alter Schmerz, alter Schrecken sitzen tief in Menschenknochen, eingegraben, eingekesselt, eingefräst in die Zellen.
Wird vererbt, liegt als schweres Gewicht auf Kindergerippen, auf Erwachsenenschultern, bis in die späten Jahre wissen sie nicht, dürfen nicht merken.
Kompensation, die Jungen tragen an den Lasten der Alten.
Zukunftslos Trinken, Sinnlosigkeit, kurze betäubte Erleichterung.
Sprachlosigkeit über zwei, über schon drei Generationen.
Wann ist es zu spät für ein Wort des Verstehens, des Mitleids, der Versöhnung?
Nicht denken, nicht fragen, weitermachen.

Was ist das in meinem Körper?
Wessen Wunden heilen nicht in mir, bleiben schorfig und nässen?
Nicht fragen, da ist nichts, ist alles gut, weitermachen!
Die Saat des Hasses, des Schreckens, der Schmerzen, der Todesangst bleibt über Jahrhunderte
Der geringste Anstoß, sie keimt wieder.
Nie ist der Frieden so langatmig, so sicher, so ruhig und leicht, daß er den Keim auflösen würde.
Die Träume zeigen die alten Bilder, immer und immer wieder tauchen sie aus dem Dunkel.
Der Körper kämpft weiter die alten Kämpfe.
Man will leben, man arbeitet, man inszeniert Frieden.
Nicht fragen, nicht laut fragen, weitermachen, betäuben, in Arbeit ertränken.

Zukunft, man will hoffen, sich vergnügen, die Familie genießen, die Bilder bleiben.
Damals ließen sie Kleinkinder auf Planen zu Tode trocknen. Die Sonne mordete sie, nicht die Mörder.
Der Schrecken, die Angst bleiben nur knapp unter der Oberfläche.
Eine dünne so zarte Haut neu aufgebauter Existenz bedeckt das Grauen.
Wenige Jahrzehnte später lärmt, mordet der nächste Krieg hinter den Berghängen.
Noch geht der damalige Tod um, werden Menschen verschleppt, in den Wäldern verscharrt.
Schon ist auch ein neuer Tod am Werk.

Nie ist man sicher.
Man bleibt wachsam, horcht, ähneln die Worte nicht denen von damals, fühlt es sich nicht wieder so an?
Nicht laut fragen, weitermachen, arbeiten, still sein.
Der Tod schläft einen leisen Schlaf, ein Wort weckt ihn auf.
Man schützt sich weiter durch Nicht-Sprechen, Stumm-Bleiben.
Der Körper kämpft, der Schrecken wandert noch immer durch die Adern, durch Venen, durch Knochenzellen bis ins Gehirn, frißt sich durch Nervenbahnen, frißt sich durch die Sprache, die Liebe.
Das Herz vom Ringpanzer umgeben, weitet sich nicht mehr.
Nichts löscht die Saat aus.
Man bleibt besser wachsam.
Habt Acht!

Den Anonymen Tausenden Flüchtenden, dem Onkel unter ihnen, der nicht getötet wurde, der in hohem Alter sterben durfte, zum Gedenken

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