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Sommergarten – Schafgarbentee – Eine Erinnerung

5 Minuten-Lesemarathon Musilhaus, März 2014 „Mein Garten"

Grünes Frauenzimmer. Aus einem Kapitel des Beitrags für „Mein Garten“ (von Gabi Russwurm-Biro, erscheint bei Wieser): - wer mich kennt, mein Zimmer ist draußen -

Sommergarten – Schafgarbentee – Eine Erinnerung:

In Unterkärnten sind wir in der Heimat des Vaters. Das Bauernhaus steht weitab vom Ort, mit Panoramaaussicht von Klagenfurt bis Koralpe. Nah hinter der Tenne beginnt der Wald. Die Mutter legt einen Gemüsegarten an, klassisches Kreuz mit Steinskulptur. Ein Stachelbeerstrauch, Salatbeete, Kraut, Kohl, Radieschen und Karotten, Fülle von Rot, Gelb und Grün. Zur Straße hin entsteht ein zehnreihiges Kartoffelfeld, in das wir, mit einer Blechdose bewaffnet, auf Käferjagd abkommandiert werden. Alte Bäume liefern ein Unmaß an Äpfeln - und an Wespen. In einem Baum haben wir eine hölzerne Plattform mit Goldrutenbinsen ausgelegt. Darauf sitze ich und lasse es mir schmecken. Eine Klärgrube wird gebaut. Als sie noch leer ist, falle ich im Hausflur in den tiefen Graben, der zu ihr führt. Durch ein enges Loch in der Hausmauer soll ich auf Geheiß der Mutter – sie steht oben am Rand des Hausflur-Grabens und schaut zu mir herunter – auf allen Vieren kriechend mich hindurchzwängen.
In roten Lederhosen rollen wir Kinder die Wiesenhänge hinab, verstecken uns im Wald, feiern Geburtstag, werden fotografiert, schwimmen täglich im See, helfen dem Jungbauern, holen Milch, suchen Eier aus Verstecken, die nur wir kennen, spielen im Heu, bis es jemand zu bunt wird und nach uns ruft. Wir versorgen die Kälber, schleppen Milchkannen zum Brunnen, treten Silofutter. Ich darf Traktorfahren; der Bauer hat zu viel Arbeit und keine Zeit. Nur mutig und immer geradeaus!
Alles hat seine Gerüche, Schilf, Wasser, Muscheln aus dem See, aufweichender Asphalt, Gras, verfaulende Äpfel, Heuberge, der warme Kälberleib, die frischgemolkene Milch, der Hühnerstall, das dunkelrote Blut des geschlachteten im Hof aufgehängten Schweines. Es regnet durch Wochen, dann regnet es durch Wochen nicht. „Wassersparen“, hören wir die Erwachsenen. Es fällt ganz aus, wir bestücken einen Leiterwagen mit Kübeln, fahren zum Nachbarn. Wir laufen durch Kukuruzfelder, knabbern an weichen Kolben, saugen an Blüten, pfeifen auf Grashalmen, suchen Schwammerln und Heidelbeeren im Wald, Abendessen. Wir sind dauernd hungrig. Freitag, der Vater bringt aus Wien Schrammelbrot. Wir sammeln Zwetschken, Nüsse und Äpfel, täglich immer wieder Äpfel, Spinnweben in den Fensterecken müssen weg, spätestens bevor der Vater kommt. Wir stehen um fünf Uhr auf, frühstücken Sterz und Milch, ziehen uns alles Warme an, das wir besitzen, in die Gummistiefel drei Paar bunte Socken, wir stricken laufend neue, und radeln, solange es noch erträglich ist, zum Schulbus. Schon ist das Jahr um und es liegt so viel Schnee, daß wir nicht bis zum Nachbarn gelangen. Wir treten einen Schihang. Wir klauben faule Äpfel aus und bringen Armladungen von Holz für den Sparherd. Im Topf köchelt Apfelrotkraut, darauf Geselchtes. Unter dem Tisch liegen die Hunde und stinken. In den Zimmern sind die Decken klamm und steif. Eine Ratte zwängt sich zwischen Wand und Kasten. Speckstücke aus der Speis müssen in die Fallen.
Im Frühling sind keine Ratten mehr im Haus. Gebackene Hollerblüten duften neben der noch nicht übergehenden Milch. Wir essen Spinat mit Ei, Polenta mit Hollerkoch vom letzten Herbst. Der Hollerbaum beim Plumpsklo ist so groß wie der Fliederbaum im Burggarten war. Am Abend löffeln wir Heidensterz mit Kruste, heiße Milch mit Haut, Bratäpfel, Apfelkompott, Apfelmus, Apfelsaft, Apfelstrudel in feiner, das Tischtuch durchscheinender Hülle. Fleisch lagert in einer riesigen Tiefkühltruhe, die für die Hunde angeschafft war. Auf den Kuttel-Portionen friert Apfelmarmelade zu Eisstangen.
Der Rhododendron vor dem Haus und die Mutter vertragen das Klima nicht, die Obstbäume die Schneideexperimente des Vaters nicht. Die Schwester bricht sich ein Bein. Ein Hund wird erschossen, ein zweiter ist spurlos verschwunden.
Es geht zurück nach Wien. Hier stirbt der dritte Hund, die alte Dogge erträgt die Ringstraße und den Burggarten nicht. Sie blutet kleine dunkle Tropfen, sie heult; man hört sie bis zur Oper. Sie hat Heimweh nach dem freien Land, nach Wiesen und Wäldern - ich auch. Ein Mal noch kehre ich dorthin zurück. Der Vater verkauft das Haus. Die Wurzeln abgeschnitten, kein Zurück mehr. Ich trinke Schafgarbentee, laufe an der Wien im Stadtpark entlang, erwandere die Wege im Wienerwald. Sie haben eines gemeinsam, sie sind per Straßenbahn erreichbar.

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©Tatjana Gregoritsch, März 2014
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